Deprivation oder Angst

  • Je länger ich mich mit unseren besonderen Hunden beschäftige umso mehr bekomme ich Zweifel, ob meine ursprüngliche Bezeichung Fussels als Angsthund richtig ist.

    So typisch Angsthund ist er nicht. Er kommt mir ehr so vor, also könne er Situationen, Dinge, Reaktionen u.s.w. nicht deuten.

    Vielleicht erst ein paar Sätze zu seiner Geschichte, so weit sie bekannt ist.

    Fussel wurde im März letzten Jahres zusammen mit 10 weiteren so kleinen Hunden durch das Ordnungsamt aus einem Bauwagen gerettet. Der Tierschutzverein, von dem wir Fussel haben, ist der Meinung, dass die Hunde Zeit ihres Lebens dort eingesperrt waren. Sie sind wohl gefüttert und getränkt worden. Aber raus zum Pipmachen oder sich Lösen war wohl nicht. Unter dem Panzer von Dreck und Kot ließ sich nur erahnen, dass es sich um Hunde handelte. So liegt die Vermutung nahe, dass sie absolut nichts kannten und die ersten Wochen auch nicht in liebevoller Umgebung verbracht haben.

    Als wir Fussel schlußendlich 4 Wochen zur Probe bekamen, merkten wir schnell, dass wir keinen verschüchterten, sich ständig versteckenden Hund bekommen haben, sondern einen der alles dran setzte weg zu kommen. Wie eine Katze rannt er über die Fenstbänke, um raus zu schauen, ihn einzufangen, um mit ihm rauszugehen, war eine Frage der Schnelligkeit, wegflitzsmer war nur am Rennen, kein Schlafen, nur nachts, ein Auge immer auf, der kleine Körper immer in Alarmbereitschaft. Der Garten war schon ausbruchsicher- er hat ein Mausloch gefunden- wieder Löcher gestopft - und wieder ein Loch gefunden. 4x ist er so weg, 1x davon gründlich (4 Tage und 3 Nächte im Juli wo es so heiß war). In den Garten nur noch mit Schleppleine, Aussentüren alle durch Gitter gesichert.... eine Hundetrainerin geholt- er sprach auf nichts an, zu dieser Zeit noch absolut unbestechlich. Er war super, super schreckhaft, (ist er heute auch noch ziemlich)....aber er kam/ und kommt nach dem Schreck immer mit langem Hals um die Ecke, um zu sehen was das war, was ihn so erschreckt hatte. Um ihm die Verfolgungsjagd zu ersparen, wenn er raus in den Garten sollte, haben wir ihm eine Minileine am Geschirr gelassen. Nachts hat er das Haus unsicher gemacht. Meine Mutter bekam keinen Schlaf mehr. In seine Körbchen ist er nicht gegangen. Zum guten Schluß hat sie das Körbchen in ihr Schlafzimmer geholt und die Tür nachts zu gemacht. Die ersten 3 Tage saß Fussel hintern Schrank, dann vor dem Schrank , dann im Körbchen, dann am äußersten Zipfel des Bettes, jetzt angekuschel an meine Mutter. Sie ist auch seine Bezugsperson. Aber Übungen, Sitz, Platz, Komm u.s.w. nichts drin. Er dreht einem den Rücken zu, die Ohren flach am Kopf, nimmt kein Leckerli nichts- er sitzt es aus. Wenn er entscheiden kann o.k., wenn man ihm zu was bringen will..neee. <<<<Ausser "Bleib" das kann er perfekt...dank Minileine im Schlepp in den Anfangswochen- auf die Leine getreten wenn er vorbei rannte und "Bleib" gesagt. Jetzt braucht er keine Leine mehr. Wenn Fremde kommen, kommt er mit gaaaanz langem Hals ran, schüffelt und haut wieder ab, kommt aber wieder...läßt sich wennüberhaupt nur ungern von Fremden anfassen und nimmt auch keine Leckerli an.


    Wir können ihn überall mit hinnehmen. Im Restaurant sitzt er unterm Tisch und beäugt alles sehr neugierig- nix eingekniffene Rute.

    Haben wir Gäste, kommt er immer wieder mal mit laaaangem Hals schnüffeln....vielleicht ist Minigiraffe drin.

    Das Haus hat er jetzt als sein Zuhause akzeptiert- er zieht hin wenn wir vom Spazierengehen kommen.

    Aber zu meiner Mutter oder mir, wenn wir rufen keine Bohne. Einen anschauen geht nur aus der Entfernung. Erst seit ein paar Tagen, sucht er auch beim Gassigehen immer weider den Augenkontakt.


    Was ist das nun? ein Angsthase , Deprivation oder der beides? smweißnichtsmweißnichtsmweißnicht


  • Ich denke, das Eine bedingt das Andere. Wenn er gar nichts kennengelernt hat, macht ihm natürlich alles Angst.


    Aber ich kann da nicht wirklich Tipps geben, bin ja selbst noch am Rätseln.


    Jedenfalls ganz schön krass, was du schreibst. Das weiß man doch erstmal gar nicht, wo man anfangen soll ... ?

  • Lilo der Hund meiner Tochter kommt auch aus einer Beschlagnahmung mit schlimmen Zuständen. Sie ist heut noch oft ängstlich und schreckhaft. Eine ganz liebe Maus aber sie hat auch ihren Kopf für sich und da führt manchmal kein Weg rein.

    So sehr lange ist Fussel ja offensichtlich noch nicht bei Euch, ich denke da ist noch allerhand Luft nach oben!

    Das mit dem Kommen haben wir bei allen "schwierigen" Hunden nur mit Superleckerchen erreicht. Möglichst nicht grad nach dem füttern üben ;). Und wenn sie dann kommt ruhig Party machen. Ich habe anfangs jedes kommen belohnt, später als es klappte auch mal nur Lob und ab und an Leckerli so nach dem Lottoprinzip. Und wenn der Rückruf auch nach Jahren schlampig wurde gabs halt wieder das gleiche von vorn...

    Wir sind ja mit Lucia auch noch meilenweit vom Rückruf entfernt. Sie muss erst mal immer noch Vertrauen aufbauen.

  • Ich denke, Fussel hat schon einen Deprivationsschaden. Dazu gehört ja nicht nur, dass er selber nichts kennengelernt hat, er scheint ja in dem Bauwagen geboren zu sein. Demzufolge hatte seine Mutter auch schon einen mehr oder weniger grossen Schaden, den sie natürlich 1:1 an die Babys weitergegeben hat. Wenn das so stimmt, dass er in dem Bauwagen geboren wurde, hatte seine Mutter auch keine stressfreie, schöne Schwangerschaft, das heisst er hat schon vorgeburtlich viel Stress "erlebt".


    Bei der Beschlagnahme wurden die Hunde garantiert auch eingefangen und Polizei und AmtsVet gehen da auch nicht unbedingt zimperlich zur Sache. Sie müssen die Viechels ja einfangen bevor die ausbüxen und sich irgendwo auf dem Gelände unsichtbar machen.

    Wenn du jetzt bedenkst, dass Fussel nichts kennengelernt hat und dann die mehr oder weniger rabiate Einfangaktion und auch ihr fangt ihn immer wieder ein - wie soll er da Vertrauen zu Euch fassen? Und anschauen bedeutet viel Vertrauen. Ich hab im Bekanntenkreis eine Hündin, der "nur" von den Vorbesitzern alles hündische Verhalten abtrainiert wurde. Sie hat 2 Jahre in ihrer wirklich liebevollen und sehr verständigen neuen Familie gebraucht, bis sie die Menschen anschauen konnte.


    Ich würde Fussel auch nicht zumuten, dass er von anderen angefasst wird. Er kann so grade eben mit Euch umgehen und dann unterschreiten Fremde seine Individualdistanz ....

    Ich habs schon mal irgendwo geschrieben, ich finde das Hochheben sehr grenzwertig und auch mit Deiner Erklärung würde ich versuchen, eine andere Lösung zu finden.


    Wegen anderer Übungen: es gibt die Möglichkeit, Verhalten einzufangen. Dabei wird das gewünschte Verhalten (z.B. sitz) immer benannt, sobald der Hund das Verhalten zufällig zeigt. Man kann es dann zusätzlich mit einem Leckerlie belohnen oder man lobt einfach nur. Dauert evtl. etwas länger bis das Signal gefestigt ist, aber man muss den Hund zu nix zwingen.

  • Lucie brauchte so im Rückblick mindstens zwei, eher länger, Jahre um uns direkt anzuschauen smtraurig!

    Liebe Grüße Sibylle mit Lucie und Alex

    "Würde das Gebet eines Hundes erhört, würde es Knochen vom Himmel regnen." Türkisches Sprichwort
    "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast." Antoine de Saint-Exupéry
    "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Bertold Brecht

  • Das von Fremden Anfassen lassen unterbinden wir auch. Man sieht ihm an, dass er das nicht mag- er weicht aus. Wir heben ihn auch nicht mehr hoch, wenn's nicht nötig ist- er hat sein eigenes Tempo sich dem Menschen zu nähern. Wir haben durch Fussel viel gelernt. Wir haben zwar seit über 30 Jahren Hunde, aber solche "Problemhunde" fordern ganz anderes Wissen. Leider haben wir vom Tierheim da keine Hinweise oder Hilfe bekommen. Die Hunde, die wir bisher hatten, waren normale Hunde. Von Deprivation u.ä. hatten wir keine Ahnung. Ich hätte mir vom Tierheim mehr Aufklärung gewünscht. Dann wäre unser Start mit Fussel sicher besser gelungen . Um so froher bin ich hier wertvolle Tipps und Hilfestellungen zu bekommen . Danke. Laiesm

  • er dreht mir den Rücken zu, dreht den Kopf in meine Richtung- er lässt mich nicht aus den Augen und geht bellend vor mir her- er läuft nicht weg. Dann bleibt er stehen, ich krabbel ihn mit dem Finger die Halsinnenseite und gehe dann von ihm weg. Er hört auf zu bellen und kommt dann in unsere Nähe ...alles ist dann i.O und er entspannt.

  • Hast du schonmal versucht, ihn dann gar nicht zu beachten. Reinkommen, NICHT in seine Richtung gucken, ihn NICHT ansprechen. Als sei er Luft. Wenn du dann z.B in der Küche auspackst und er schon heruntergefahren ist und gucken kommt, dann würde ich ihn nebensächlich begrüßen.

    Liebe Grüße von Jeannine


    die nun ganz ohne Hund ist.




    Dolly, Artus und Gipsy für immer in meinem Herzen

  • Nicht beachten ist die etste Wahl. Funktioniert aber nicht immer. Ich glaube es kommt drauf an, wie weit ich in die Wohnung vordringen. Der erste Raum ist die Küche. Dort kappt diese Strategie. Dann sitze ich mit Leckerlis bewaffnet bei Mama, lasse Fussel links liegen und warte bis er aufhört zu Bellen und von selbst kommt, was er dann auch tut...dann gibt's Leckerli. Gehe ich aber weiter, gibt er erst Ruhe, wenn ich ihn ganz kurz am Hals streichel und ihn dann ignoriere, bis er kommt.

  • andere werden auch verbellt. Er hört dann nach relativ kurzer Zeit von selbst auf. Ich glaube er weiss, dass ich zum Haus gehöre(ich wohne oben drüber), Mamas Wohnung aber sein Reich ist. Ich gehöre zwar dazu, dringe aber regelmäßig in sein Reich ein.- ist eine für ihn ungeklärte Situation.

  • Also im Prinzip gibt es keinen Unterschied, ob Fremde kommen oder ob du kommst. Nur, dass du ihm Leckerli gibst oder ihn am Hals anfasst.

    Ich würde ihn in eine andere Erwartungshaltung bringen, wenn du kommst. Er scheint dem Besuch grundsätzlich erst mal zu misstrauen und muss das abreagieren. Indem du mit Leckerlis hinterher belohnst, wenn er ruhig ist, muss er sich mit dir auseinandersetzen und das fällt ihm so schwer. Mein Vorschlag wäre:

    Du kommst, beachtest ihn überhaupt nicht und ehe er sich reinsteigern kann, ehe er überhaupt in sein Bellen verfallen kann, streust du eine Hand voll mini Leckerlis deutlich sichtbar und NICHT in seine Richtung auf dem Boden aus. Du gehst weiter und machst das, was du sonst auch machst. Und vor allem beachtest du ihn nicht. Willst du mal probieren und erzählen, was dann passiert? Ich hätte schon die nächsten Schritte im Kopf- je nachdem wie er reagiert. :thumbdown:

    Liebe Grüße von Jeannine


    die nun ganz ohne Hund ist.




    Dolly, Artus und Gipsy für immer in meinem Herzen

  • Erster Bericht: Ich komme rein, Fussel kommt dirkt schon bellend in die Küche. Lerckerlis liegen ganz zufällig...hi,hi,in der Küche rum. Fussel sind die total egal....obwohl Ente gestern noch Superleckerli war. Also ich ignoriere Fussel und er bellend hinter mir her. Im Wohnzimmer setze ich mich hin. Fussel bellt, ist aber von seinem Bellen nicht mehr überzeugt. Ich habe Leckerli in der Hand, die hängt so am Sessel runter während ich mit Mama rede.....jetzt fährt Fussel seinen Giraffenhals aus, schnuppert an meiner Hand, gibt Handküsschen und pfeift auf's Leckerli....smpfff.

    Ich runter auf den Boden, schnüffeln, schnüffeln, Handküsschen, Haare mit Schnauze wuscheln, wieder auf Leckerli pfeifen smpfff.

    Dann verzieht er sich in seine Ecke und pfeift auf mich smpfff.

    Als ich aufstehe und weggehen will, schnäuelt er hinter mir her.

    Dieses Prozedere werde ich die nächsten Tage wiederholen. schlabber.gif

  • Ähmmmm...interessante Kreation meines Vorschlags. Leider nur vollkommen anders. smlach


    Habe ich es falsch verstanden oder liegen bei deiner Mama regulär Leckerlis auf der Erde?

    Liebe Grüße von Jeannine


    die nun ganz ohne Hund ist.




    Dolly, Artus und Gipsy für immer in meinem Herzen