Die zweite Chance: Hunde mit Vergangenheit

  • Hallo,


    hat jemand von euch schon dieses Buch gelesen?

    Die zweite Chance: Hunde mit Vergangenheit
    erschienen 5. Oktober 2017
    von Katharina von der Leyen und Inga Böhm-Reithmeier


    Ich bin auf der Suche nach Büchern über die Erziehung von älteren Hunden, die noch keine Grunderziehung haben. Möglichst auch mit Tipps, wie die Erziehung ohne Leckerlies funktionieren kann. Ich wäre euch dankbar, wenn ihr mir sagen könntet, ob sich diesbezüglich eine Anschaffung lohnt. Oder habt ihr Tipps, welche anderen Bücher hierbei hilfreich sein könnten?


    Gruß
    Marlis

  • Ich kenne ein anderes Buch der beiden Autorinnen ("Leinen los"), und bei Inga Böhm war ich mit Ronnie vor ein paar Jahren im Training und halte sehr viel von ihr. Ich weiß auch, dass sie viele TS-Hunde im Training hat.

  • Hallo Irene,


    bei amazon habe ich diesen Kommentar zum Buch "Leinen los" gelesen:
    Mich hat dieses Buch leider nicht überzeugt. Zum einen sagt mir der Schreibstil nicht zu (" Sie können wahrscheinlich auch Ihre Ehe nicht retten, indem sie versuchen mit Dolly Buster oder George Cloony zu konkurrieren".) Ich hätte lieber ein sachlich (und idealerweise auch wissenschaftlich fundiertes) geschriebenes Buch, als Autoren, die Versuchen auf "guten Kumpel" zu machen. Vielleicht ist es auch eine Art von Humor, die ich nicht verstehe, die da immer wieder mit einfließt. Für mich wirken solche Aussagen hier völlig fehl am Platz. Dann gibt es Behauptungen,die für mich einfach nicht schlüssig, bzw. nicht glaubhaft nachvollziehbar sind. Da wird zum Beispiel schon zu Beginn der Vergleich zwischen einem unerzogenen Hund und einem Menschen, der keine Tischmanieren hat gezogen und behauptet, indem man einem Menschen zu guten Tischmanieren ermahnt, erzieht man ihn nicht wirklich dazu. Man müsse ihm klar machen, dass schöne Tischmanieren doch so viel schöner aussähen, dann würde er auch alleine so essen. Uhm, sorry, nein. Ich weiss mich am Tisch durchaus zu benehmen, aber wenn ich alleine bin, dann esse ich vor allem gerne bequem - und dann sind mir Ellbogen auf dem Tisch ziemlich egal und es ist mir egal, dass es hübscher aussieht, weil mich ja keiner dabei sieht. Wenn für mich der Gedankengang schon kaum nachvollziehbar ist, weiss ich nicht, wie meine Hunde das bewerkstelligen sollen. Ich bevorzuge Bücher, die Behauptungen auf Forschung und Fakten stützen und keine Hund-Mensch/Kind-Vergleiche aufstellen, denn diese hinken in der Regel nahezu immer. Ebenfalls zu Beginn des Buches gab es eine vielversprechende Passage, in der es ziemlich wörtlich hieß man solle nicht davon ausgehen, dass bestimmtes Verhalten am Hund "schlecht" sei, denn dann würden wir gegen das natürliche Verhalten des Hundes und somit gegen den Hund arbeiten. (S.12) Leider wird das nirgendwo mehr aufgegriffen, sondern im weiteren Verlauf eher widersprochen: bestes Beispiel ist das Jagen. Wo soll man denn da nicht "gegen" das natürliche Jagdverhalten arbeiten? Da steht, quasi, mit einem jagdlich ambitionierten Hund dürfte man nicht Mal mehr Ball spielen, weil das sein Jagdverhalten fördern würde. (S.28) Es wird also ganz eindeutig sein natürliches Verhalten als schlecht angesehen und soll schon im Keim erstickt werden. Ich weiss nicht, wie Jäger mit ihren Hunden trainieren, aber es ist ja offensichtlich möglich, jagdliches Verhalten beim Hund zu kontrollieren ohne es in jeder Form zu unterbinden. Bei Jägern wird mit dem natürlichen Verhalten gearbeitet. Trotzdem rennt ein Jagdhund nicht blind in den Wald und jagen alles, was er finden kann. Irgendwie muss es also möglich sein, einen Hund zum Beispiel einen Ball jagen zu lassen und so seinen natürlichen Trieb zu befriedigen und MIT seinen natürlichen Instinkten zu arbeiten, statt das Verhalten im Keim zu ersticken und "gegen ihn" zu arbeiten. Wie Jäger ihre Hunde trainieren, weiss ich leider nicht. Ich hatte mir erhofft, dass das Buch in die Richtung einige Tipps zu bieten hat. Sehr verwundert war ich, als es weiter hieß, wenn man mit einem Hund spazieren geht, darf der Hund sich nicht für Gebüsche, Gerüche, etc. interessieren, nicht schauen und schnüffeln gehen - sondern nur für das Herrchen/Frauchen. Die ganze Aufmerksamkeit muss auf den Menschen gerichtet sein. (S.78). Wenn das nicht komplett gegen das natürliche Verhalten eines Hundes arbeiten ist, dann weiss ich auch nicht. Mein Ziel beim Freilauf ist es, dass meine Hunde frei laufen dürfen und das tun dürfen, was sie wollen (so lange sie eben niemanden oder sich selbst gefährden) und nicht wie Roboter neben mir gehen und nur auf mich achten. Dann ist der Spaziergang für mich vielleicht entspannend, aber für meinen Hund? Ich glaube eher nicht. Meine Hunde hauen nicht ab, befinden sich beim Freilauf immer in meiner unmittelbaren Umgebung, sind abrufbar - Nur wenn andere Hunde auftauchen, ist einer meiner Hunde absolut nicht mehr ansprechbar und reagiert nicht auf mich, weshalb er seine Spaziergänge größtenteils auch an der Schleppleine fristet (Einen Hundetrainer hatten wir schon, sein Fazit: Hund an die Schleppleine). Ich hatte mit von diesem Buch nützliche Tipps erhofft, wie ich dieses Verhalten in den Griff bekomme und er auch in dieser einen Situation abrufbar bleibt. Leider finde ich dazu nichts. Ich glaube, das Buch ist vor allem an Hundehalter gerichtet, deren Hunde beim Ableinen spurlos auf Nimmerwiedersehen im Wald verschwinden. Solche Hunde habe ich aber nicht und bei meinen Problemen hilft es mir nicht weiter.
    Kannst Du diesen Kommentar bestätigen oder siehst Du das anders?
    Gruß
    Marlis

  • Nee, das kann ich so gar nicht bestätigen! Weder von den Aussagen des Buchs, noch von der Art her, wie Inga ihre eigenen Hunde führt. Sie hat mehrere Jagdhunde, z.T. aus dem TS (sie ist auch selbst Jägerin), die weiß Gott nicht die ganze Zeit um ihr linkes Bein gewickelt laufen und ihr ins Gesicht starren. Und ihr ganzer Umgang mit Hunden ist durch Respekt für den Hund und sein Wesen geprägt.
    Hab jetzt keine Zeit, und per Smartphone ist mühsam, später mehr.

  • Na, dann kennst du ja auch Ronnies Hinterkopf! ;(
    Der ist da nämlich drin.


    So, jetzt nochmal bisschen ausführlicher.
    Wie gesagt, die zitierte Kritik an dem Buch kann ich so nicht nachvollziehen.
    Das mit dem Schreibstil und Humor ist natürlich Geschmackssache, das ist schon klar, aber ansonsten:

    Ebenfalls zu Beginn des Buches gab es eine vielversprechende Passage, in der es ziemlich wörtlich hieß man solle nicht davon ausgehen, dass bestimmtes Verhalten am Hund "schlecht" sei, denn dann würden wir gegen das natürliche Verhalten des Hundes und somit gegen den Hund arbeiten. (S.12) Leider wird das nirgendwo mehr aufgegriffen, sondern im weiteren Verlauf eher widersprochen: bestes Beispiel ist das Jagen. Wo soll man denn da nicht "gegen" das natürliche Jagdverhalten arbeiten? Da steht, quasi, mit einem jagdlich ambitionierten Hund dürfte man nicht Mal mehr Ball spielen, weil das sein Jagdverhalten fördern würde. (S.28) Es wird also ganz eindeutig sein natürliches Verhalten als schlecht angesehen und soll schon im Keim erstickt werden.


    Was ich aus eigener Anschauung über Inga Böhm sagen kann - und was sich auch im Buch meiner Meinung nach widerspiegelt, ist jedenfalls, dass bei ihr nichts "im Keim erstickt" wird, sondern, dass sie sehr wohl damit lebt und es respektiert, dass eine Hund nun mal ein Raubtier und Jäger ist. Was jedoch nicht bedeutet, dass der Hund ständig im Jagdmodus sein soll und darf, worauf der Mensch wiederum durch seine eigene Haltung und Stimmung einwirken kann (u.a. Stichwort "übersteigertes Jagdverhalten als Ausdruck von Stress"). Und natürlich toleriert sie nicht, dass der Hund wildern geht. Allerdings hält auch nichts von "Ball spielen" im Sinne von immer wieder Bälle werfen, und der Hund rennt hinterher, weil sie eben meint, dass genau durch sowas der Hund in so einen Modus gerät.


    Sehr verwundert war ich, als es weiter hieß, wenn man mit einem Hund spazieren geht, darf der Hund sich nicht für Gebüsche, Gerüche, etc. interessieren, nicht schauen und schnüffeln gehen - sondern nur für das Herrchen/Frauchen. Die ganze Aufmerksamkeit muss auf den Menschen gerichtet sein. (S.78).


    Das hat die Rezensentin wohl ziemlich falsch verstanden. Was Inga propagiert, ist eine gewisse Entschleunigung, dass der Hund mit seinem Menschen spazieren geht (was aber nicht heißt, dass der Hund dauernd an ihrem Bein kleben soll und sich für nichts außen rum interessieren darf, sondern dass er sehr wohl in einem gewissen Rahmen seinen Interessen nachgehen darf, aber dabei im Kopf immer auch bei seinem Menschen bleiben soll) und dass der Mensch aber auch nicht (unbewusst) selber immer so eine Erwartungshaltung auf Action produzieren soll, indem er z.B. die ganze Zeit alarmiert nach Wild Ausschau hält, oder eben x-mal Bällchen wirft. Vielmehr empfiehlt sie, dass man auch mal eine Pause macht, innehält. Das alles hat aber auch sehr viel mit der eigenen inneren Haltung zu tun, und das ist auch das, was sie im direkten Training den Menschen zu vermitteln versucht. Es geht nicht so sehr um Kommando X, das so und so aufgebaut wird, und dann funktioniert der Hund (was die Rezensentin sich wohl erhofft hat), sondern es geht auch sehr viel darum, was der Mensch seinem Hund an Grundhaltung vorgibt. Und die Autorinnen schreiben schon auch ganz klar, dass es beim individuellen Hund halt trotzdem an gewissen Punkten auch Grenzen geben kann in dem, was man an Training erreichen kann - und dann gehört der Hund in der Situation eben an die Leine!

  • Na toll, jetzt will ich das Buch haben smsofort


    Irene, hast Du klasse beschrieben :thumbdown: Danke!


    Gibt es in dem Buch auch Ideen, den Jagdtrieb sinnvoll zu stillen? Mir mangelt es leider an Ideen, Futtersuchspiele, "gemeinsam" Wildspuren verfolgen, machen wir auch, entschleunigter Spaziergang mit genügend Schnüffelmöglichkeiten aber auch Aufmerksamkeit/Grundgehorsam sowieso.

  • Dann sag mir die Prozente!


    77%
    Schwarzer Hundehinterkopf mit einem Stehohr rechts und einem leichten Knickohr links. :-)


    Ich habe anlässlich der Suche nach dem Foto nochmal bisschen drin "geblättert". Am Ende des Buches wird auf die verschiedenen Hundetypen und Rassen eingegangen, was ihre Aufgaben sind, zu denen sie gezüchtet wurden, welche Konsequenzen das für ihr Verhalten hat. Das Ganze ziemlich differenziert, nicht nach dem Motto: "Das ist ein Jagdhund, der jagt halt!", sondern unterschieden nach Hunden "vor dem Schuss" (z.B. Terrier, Laufhunde etc.) und Hunden "nach dem Schuss" (z.B. Retriever und Schweißhunde), Hunde, die völlig eigenständig "ohne Schuss" jagen (Windhunde, Podencos) und Hundetypen, die eigentlich nicht dafür gedacht sind, aber trotzdem (möglicherweise) jagen, wie Hütehunde und HSH. Aus dem Training bei Inga weiß ich auch noch, dass Inga das immer mit berücksichtigt und z.B. eben NICHT propagiert, dass jeder Hund immer unbedingt einen Radius von x Metern einhalten soll, wenn das nun mal seiner Natur widerspricht. Von daher kann ich echt nicht nachvollziehen, wie es zu der zitierten Bewertung kam.