"Hund trifft Hund. Entspannte Hundebegegnungen an der Leine" von Katrien Lismont

  • "Hund trifft Hund" ist bei Cadmos erschienen, hat um die 126 Seiten, kostet, öh, keine Ah ung, trage ich später nach.


    Es richtet sich insbesondere an Halter reaktiver Hunde. Schon auf der ersten Seite beschreibt sie einfühlsam, wie es für den Menschen ist, mit einem reaktiven Hund zu leben. Mir gefällt, dass sie von reaktiven Hunden und nicht von aggressiven spricht, ein Begriff, den ich erst bei meiner jetzigen Trainerin kennengelernt habe und der meines Erachtens besser beschreibt, was das zentrale Problem ist.


    Katrien Lismont setzt sich mit dem Thema Gewaltfreiheit auseinander, vertritt einen Trainingsstil mittels positiver Verstärkung incl. Markertraining , der die Selbstwirksamkeitserfahrung des Hundes langfristig verbessern soll. Sie schreibt, dass sie in ihrem Buch einige erprobte Ansätze aufzeigen will, dass es kein Schema F geben kann und es ihr wichtig ist, mittels praktischer Maßnahmen Bewältigungsmöglichkeiten in belastenden Begegnungssituationen zur Verfügung zu stellen. Kritisch sieht sie, dass nach ihrer Erfahrung viele Hunde im Alltag etwas leisten sollen, was sie praktisch noch nicht können.


    Reaktives Verhalten gilt bei Lismont als ein Versuch des Hundes, in einer von ihm bedrängend erlebten Situation Entlastung zu finden. Im nach vorne gehen vertreibt er all zu oft das beängstigende Objekt, erfährt also die gewünschte Entlastung, ist aber in einem problematisch hohen Erregungszustand mit Gefährdungspotential, der sich so auch noch weiter steigern wird. Der Wunsch des Hundes nach Entlastung und Distanz soll letztlich auf andere Weise als umsetzbar gelernt und erfahren werden. Darauf zielt dieses Buch ab.


    Anfangs setzt sich Lismont damit auseinander, wie Verhaltensänderungen gefördert werden können, legt Wert auf die gesundheitliche Begutachtung des Hundes, die möglicherweise solche Verhaltensänderungen mit sich bringen können, beschäftigt sich auch mit Ernährung und mit den Fragen der ausreichenden Auslastung. Fallbeispiele aus ihrer Praxis veranschaulichen diese Themen. Gut gefällt mir, dass sie viele einzelne Punkte nennt, wie solche Verhaltensänderungen aussehen können, die man ggf. auch übersehen könnte (bei einer Freundin von mir gerade geschehen).


    Im nächsten Kapitel setzt sie sich mit der Analyse des Verhaltens des Hundes auseinander. Dies basiert auf drei Aspekten: was geht dem Verhalten voraus, was macht der Hund und was geschieht direkt im Anschluss, welche Folgen hat das gezeigte Verhalten. Sie gibt viele Anregungen, wie diese Verhaltensanalyse aussehen kann, was beachtet werden sollte.


    Es folgt ein Kapitel über operante Konditionierung und Markertraining, für viele nichts Neues, in der Zusammenstellung im Buch ist aber alles sehr, sehr gut aufeinander aufgebaut und erklärt.


    Den Themen Aufmerksamkeit und Umorientierung widmet sie sich im nächsten Kapitel. Hier beginnen dann die verschiedenen Trainingstipps. Sie benennt jeweils das angestrebte Zielverhalten, liestet die Zwecke dessen auf und beschreibt dann anschaulich, wie trainiert werden kann, ergänzt um die Beschreibung möglicher Schwierigkeiten. Besprochen werden z.B. die autonome Umorientierung des Hundes, aber auch die auf Signal, sie beschreibt Handtragetübungen etc. pp. Es gibt viele seperate Übungen, die alle zusammen ein Repertoire an Möglichkeiten zur Selbstregulation des Hundes, aber auch zur Einflussnahme durch den Halter darstellen.


    Leinenführigkeit ist ein weiteres Thema. Besonderen Wert legt sie auf ein sanftes Stoppen des ziehenden Hundes, dass auch detailliert als Übung beschrieben wird und das den Stress durch die Leinenspannung mindern soll.
    Auch hier gibt es viele aufeinander aufbauende Übungen, die z. B. helfen sollen, einen Hund gut und sicher an schwierigen Situationen (z.B. in der
    Tierarztpraxis) vorbei zu führen.


    Anschließend befasst sie sich mit Umorientierung in Begegnungssituationen. Einersteis das übliche (click für Blick), aber auch Tipps zur geordneten Flucht, eine Art "Not-Sitz" für Situationen, in denen es ganz eng wird. Auch dies wird sehr klein schrittig und positiv aufgebaut, ich fand das ein mir noch unbekanntes Verfahren, um in schwierigen Situationen gemeinsam mit Fiete einen Plan haben und umsetzen zu können.


    Der letzte Teil des Buches ist für mich etwas ganz Neues gewesen. Da geht es um das sog. BAT-Training, ein Training zur Selbstwirksamkeitsförderung des Hundes. Mir gefällt die Idee, denn es wird in gestellten, sehr groß angelegten Übungssituationen geübt (viel Platz zum Ausweichen plus z.B. Büsche etc., um den Angstauslöser (z.B. Hund) ausweichen zu können. Dieses BAT-Training hat eine Grisha Stewart entwickelt, Katrien Lismont hat es bei ihr gelernt und ist als BAT-Trainerin zertifiziert. Im Prinzip üben zwei Hunde miteinander
    ,bei möglichst geringer Einflussnahme des Halters auf weite Entfernung den anderen Hund tolerieren zu können. Statt Signale, Ansagen und Kommandos sollen sie relativ frei und eben im Zustand erlebbarer Selbstwirksamkeit erfahren, dass es andere Verhaltensweisen und Regulationsmöglichkeiten gibt als nach vorne zu gehen.
    Ausführlich und anschaulich stellt Lismont verschiedene Trainings- bzw. Alltagssituationen dar und differenziert, Verhalten, Selbstregulation und Hilfsbedürftigkeit des Hundes.


    Sie bzw. das BAT-Training unterscheidet zwischen
    a) ideale Trainingssituation
    b) einer Trainingssituation, die der Hund selbstwirksam bewältigen kann,
    c) in der er gerade noch sich selbst abhalten kann, aber unsere Hilfe braucht,
    d) er sich nicht mehr selbst regulieren kann und
    e) ausrasten des Hundes, Verlust der Selbstkontrolle.


    Dabei beschreibt sie, was jeweils getan werden kann und was auch nicht, sowie die Körpersprache des Hundes. Ich fand das alles sehr hilfreich, klärend, informativ, prägnant.


    Zum BAT-Training könnte ich heute noch mehr schreiben, das schaffe ich aber zeitlich nicht mehr. Das BAT-Training ist sicher am schwierigsten umzusetzen. Es braucht eine besondere Möglichkeit, sehr langfristig unter optimalen Bedingungen zu trainieren. Ich übe das gerade mit meiner Trainerin, das ist aber als einziger Bereich des Buches nicht sehr alltagstauglich, man ist wirklich auf besondere Trainingsmöglichkeiten angewiesen, die sich nicht mal eben im Alltag finden lassen. Bei Bedarf oder auf Wusnch kann ich dazu noch was schreiben.


    Insgesamt ist das Buch aus meiner Sicht eine sehr gut aufeinander aufbauende, Mensch und Hund wertschätzende, an Praxis und Alltag orientierte Zusammenstellung wichtiger Infos zur Reaktivität von Hunden plus aufeinander aufbauender Trainingsmöglichkeiten, alle sehr gut aufeinander abgestimmt, sehr gut beschrieben, sehr strukturiert dargestellt. Ich bedaure, dass ich das Buch nicht schon hatte, als Fiete vor einem guten Jahr hier aufschlug. Aber da gab es das halt noch nicht. Für Leute mit reaktiven Hunden aus meiner Sicht ein super Buch!

  • Cool, das ist ja interessant, dass es das beim Blauen Hund auch gab. Karin und ich haben uns für September bei einem Seminar mit Katrien Lismont angemeldet, bin schon ganz gespannt!

  • Danke Tine für die ausführliche Besprechung ?( .

    Liebe Grüße Sibylle mit Lucie und Alex und Roko (und Kurt biggrin)!

    "Würde das Gebet eines Hundes erhört, würde es Knochen vom Himmel regnen." Türkisches Sprichwort
    "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast." Antoine de Saint-Exupéry
    "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Bertold Brecht


    Jedes von mir geschriebene Wort ist meine Meinung. Kein Anspruch auf "Wahrheit", kein Überzeugungswille ist darin zu sehen. Bei Unklarheiten bitte Nachfragen, DANKE!

  • Bei der Katrien Lismont hat eine Freundin von mir trainiert und sie war begeistert. Ursula hatte sich Katrien gezielt ausgesucht, als ihre Junghündin ins passende Alter kam.
    Das BAT-Training mache ich mit meiner Trainerin und Laila auch zwischendurch. Ist in der Praxis ganz anders als das "normale" Training mit Laila. Aber es ist eine tolle Erfahrung. Wir haben hier aber auch an verschiedenen Orten die Möglichkeit, solche Trainingssituationen aufzubauen - im Winter besser als im Sommer, aber es geht hier alles.
    Und das Hundekolleg Münsterland ist gar nicht weit von hier :-) muss ich mal gucken, ob ich mir das leiste wegflitzsm

  • Hab das Buch nun fast geschafft, nur noch wenige Seiten.
    Ist wirklich empfehlenswert, war ein echt guter Tip Tine.


    Allerdings wurde es für mich erst auf Seite 85 oder so spannend, weil ich ja mit Click für Blick usw. schon ewig trainiere.


    Und nun bin ich mega neidisch auf Dein Seminar im September :thumbdown:


    Ich würde so eine Hundebegegnung auf Distanz schon gerne mal ausprobieren.


    DANKE auf jeden Fall für den Buchtip.

  • Freut mich, dass das Buch für Dich auch gut war.


    Das mit den Hundebegegnungen auf Distanz übe ich im Training mit einem meiner Hunde, als Trainingspartner fungiert dann einer der Hunde meiner Trainerin. Ich finde, dass Lucy und Fiete gelassener in Hundebegegnungen sind, manchmal neuerdings Sachen machen, die ihnen helfen, die ich aber nie mit ihnen trainiert habe.


    Von dem Seminar im September werde ich hier berichten; hier bleiben "lohnt" sich also, Simone!

  • Ich hol mal diese Buchbesprechung hoch, denn ich war ja nun vor 1,5 Wochen auch auf einem WE-Seminar mit Katrien Lismont genau zu diesem Thema.
    Ich kann das nur wärmstens weiter empfehlen und auch noch auf ihre HP verweisen, wo sie B.A.T. selbst auch nochmal erklärt.
    Zudem noch der Hinweis, dass deutschlandweit gerade B.A.T. Trainer Ausbildungen laufen.
    Schnelle Erfolge sollte man sich davon nicht versprechen.


    Lest oben die Rezension ihres Buches, dann wisst Ihr um was es geht.


    Und: Katrien ist als Dozentin meiner Meinung nach sehr gut, sowohl im theoretischen (hat sie bewusst kurz gehalten und uns vorher umfangreiche Unterlagen zu kommen lassen sowie den Zugang zu einem Webinar) als auch praktischen Teil. Und für die Praxis blieb so wirklich viel Zeit an beiden Tagen. Sie versucht ja auch komplett ganzheitlich zu arbeiten, also den Hund auch gesundheitlich usw. zu betrachten. Schaut Euch die HP an, echt gut.

    Wir sind hier schon drei Frauen mit je einem "geeigneten" Hund - leider fehlt uns hier noch der Tainer :-( !


    https://www.dogood.de/


    Auf FB ist sie auch und da gibt es wohl auch Videos zum B.A.T. Training, ich habe sie noch nicht angeschaut, die aber lt. Katrien selbst sehr unspektakulär seien. Das kann ich nachvollziehen, denn die Szenen beim Seminar waren auch sehr unspektakulär und trotzdem lief mir öfters mal eine Gänsehaut über den Rücken (nicht wegen des kalten WIndes der an beiden Tagen blies und wir waren fast nur draußen), wenn sich ein Hund einfach von sich aus wieder weiter vom zweiten Mensch-Hund-Team entfernte, weil es ihm zu nahe war. Und dieser Hund da war, weil er sich immer auf andere Hunde stürzen will (nicht mit Beißabsicht).

    Liebe Grüße Sibylle mit Lucie und Alex und Roko (und Kurt biggrin)!

    "Würde das Gebet eines Hundes erhört, würde es Knochen vom Himmel regnen." Türkisches Sprichwort
    "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast." Antoine de Saint-Exupéry
    "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Bertold Brecht


    Jedes von mir geschriebene Wort ist meine Meinung. Kein Anspruch auf "Wahrheit", kein Überzeugungswille ist darin zu sehen. Bei Unklarheiten bitte Nachfragen, DANKE!