Stresshormone im Selbstversuch

  • Durch mein allererstes selbst gehaltenes Seminar bin ich so ganz nebenbei und ungewollt Teilnehmerin eines Selbstversuchs geworden. Das Thema des Versuchs lautete „Die Auswirkung von Stresshormonen auf den Organismus“.

    Jeder, der schon mal einen Vortrag halten musste/wollte, weiß, wie viel Vorbereitung das kostet, wie viele Gedanken man sich im Vorfeld macht und die meisten Menschen sind sehr aufgeregt. Kommt das Thema bei den Leuten an? Kann ich mein Anliegen verständlich rüberbringen? Gestalte ich den Vortrag interessant genug? Entsprechend groß war auch meine Aufregung.



    Schon Tage vor dem Seminar war die körperliche Anspannung sehr groß. Mir taten Schultern und Nacken weh, der Appetit hielt sich in Grenzen und meine Konzentrationsfähigkeit war auch schon mal besser. Zum Glück bin ich Freiberufler und kann mir meine Arbeit frei einteilen. So konnte ich immer mal kleine Pausen machen. Durch viele Aktivitäten (eine PowerPoint-Präsentation und Begleitscripte für die Teilnehmer wollten erstellt werden, der Kartenverkauf musste organsiert und auch der große Tag selbst wollte vorbereitet werden in Form von Technik, Getränken für die Teilnehmer etc.) hatte ich zum Glück nicht viel Zeit, mich in die Aufregung reinzusteigern.

    Am Tag des Seminars war ich zwar erstaunlich ruhig, kaum Herzrasen o.ä., dafür war die körperliche Anspannung noch größer. Etwa 1-2h vor dem Seminar bekam ich sogar Zahnschmerzen, als hätte ich stundenlang die Zähne zusammengebissen. Vormittags hatte ich ein bisschen gefrühstückt, mehr war an dem Tag nicht drin. Trotzdem musste ich oft zur Toilette. Emotional war ich hin und her gerissen, einerseits freute ich mich auf das Seminar, andererseits wäre ich gern irgendwo hin ganz weit weggefahren.

    Das Seminar war mit 15 Teilnehmern gut besucht. Als sich der Raum langsam füllte, rutschte das Herz immer mehr in die Hose und der Kloß im Hals wurde immer größer. Dann ging es endlich los und die Nervosität war weg. Mein Script führte mich durch meinen Vortrag, es war mein Halt, mein roter Faden, der mir Sicherheit gab. Ich glaube, für’s erste Mal hab ich mich gut geschlagen. Das Feedback war jedenfalls sehr positiv. Die kleinen Unsicherheiten zwischendrin haben scheinbar nur mein Mann und ich bemerkt. Nach 2h war es vorbei und ich hätte eigentlich aufatmen können.

    Eigentlich, aber so schnell lassen sich Stresshormone eben nicht abschütteln. Zu Hause angekommen, hatte ich erstmal Kopfschmerzen und fühlte mich wie erschlagen. Statt Erleichterung, dass es so gut gelaufen war, fühlte ich immer noch eine sehr große Körperspannung, die an diesem Abend auch nicht mehr weggehen wollte. Mein Kopf fühlte sich völlig leer an, selbst der Gedanke, ob ich was essen möchte, war anstrengend. Und da ich sowieso immer noch keinen Appetit hatte, ließ ich das mit dem Essen gleich ganz sein. Außerdem war ich so müde, dass ich vor dem Fernseher einschlief und dann sehr früh ins Bett ging.

    Die Nacht darauf war sehr erholsam. Nach ein paar kleinen Einschlafproblemen schlief ich tief, fest und traumlos, jedenfalls kann ich mich an keinen Traum erinnern. Ich wachte sogar kurz vor dem Wecker auf und fühlte mich etwas erholt, ein bisschen ausgeschlafen. Körperlich verspürte ich so etwas wie Muskelkater und immer noch Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich. Nach einer sehr gemütlichen Gassirunde mit den Hunden hätte ich mich allerdings gern wieder hingelegt. Die Erschöpfung war immer noch sehr groß. Im Übrigen war mir den ganzen Tag wie auch schon die Tage vor dem Seminar irre kalt.

    Im Laufe des Tages ließ die körperliche Anspannung etwas nach, was sich u.a. in einem Fiepgeräusch im Ohr äußerte. Zum Glück war das Fiepen nachmittags wieder verschwunden. Normalerweise hab ich damit keine Probleme, nur bei sehr niedrigem Blutdruck oder eben bei Verspannungen. Appetit und Verdauung waren irgendwie auch noch ausbaufähig. Na was soll’s, so kommt man auch zur Bikinifigur ;-). Bis ich alles „verdaut“ habe, werden wohl noch 1-2 Tage vergehen.

    Warum erzähle ich Euch das alles? Zum einen war ich irgendwie fasziniert, wie viele körperliche Symptome sich durch den Stress zeigten. Und während ich am Abend nach dem Seminar so meinen erschöpften Gedanken nachhing, kurz bevor ich auf der Couch einschlief, kam mir in den Sinn, dass es sich so in etwa auch für unsere Hunde anfühlen könnte, wenn sie durch stressige Situationen durchmüssen. Je nach Stressauslöser gibt es die Sorge schon im Vorfeld, wenn Frauchen sich die Gassiklamotten anzieht und zur Leine greift, wenn der Weg wieder in eine bestimmte Richtung führt oder andere Auslöser den Stress schon ankündigen. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie sich in unseren Hunden ähnliche Symptome breit machen wie in mir, die Körperspannung, evtl. sogar Schmerzen, die durch die Anspannung ausgelöst werden, Temperaturempfindlichkeit, Appetitlosigkeit und einfach dieses Gefühl des Nicht-Wollens.

    Für manche Hunde ist jeder Tag ein „Seminartag“, weil sie z.B. keinen Garten haben und deshalb zum Gassi in den Park müssen, der voller gruseliger Hunde/Menschen/Radfahrer/was-auch-immer ist oder weil es Mitbewohner gibt, mit denen sie noch nicht so gut klarkommen. Ich habe nach meinem Seminar 3 Wochen Zeit, mich zu erholen, bevor der nächste Termin kommt. Unseren Hunden bleibt vielfach kaum Zeit zum Erholen. Ich habe jetzt einen kleinen Eindruck, was möglicherweise in unseren Hunden abgeht, welche körperlichen Befindlichkeiten sich abspielen können, welche emotionale Achterbahnfahrt stattfinden kann.

    Ich habe aber auch einen guten Eindruck bekommen, was in solchen Situationen wichtig ist, was helfen kann, die Herausforderung zu meistern. Es braucht Sozialpartner, die einfach da sind, die Mut machen oder auch mal in den Arm nehmen. Weniger hilfreich ist es, die Situation herunterzuspielen alá „Du weißt doch, dass Du das kannst.“ oder „Mach Dir keinen Stress, das wird schon.“. Natürlich weiß der Kopf, dass es gut gehen wird, der Bauch rebelliert trotzdem und das Herz sitzt in der Hose.

    Ebenfalls sehr hilfreich sind Routinen, bekannte Abläufe, ein roter Faden, woran man sich festhalten kann. Wenn man genau weiß, was als nächstes kommt, gibt das sehr viel Sicherheit. Übertragen auf unsere Hunde heißt das, wenn der Hund den Weg genau kennt, vielleicht sogar bestimmte Sicherheitszonen hat, wenn er genau weiß, wie Herrchen/Frauchen in bestimmten Situationen reagiert, ihm z.B. Stressauslöser vom Hals hält, gibt das Verlässlichkeit und Vertrauen, dass es schon irgendwie gut werden wird. Nehmt die Sorgen Eurer Hunde ernst anstatt sie runterzuspielen wie „Das ist doch der Waldi, den kennst Du doch.“. Klar kennt er den, trotzdem oder genau deswegen macht er ihm Angst.



    Stresshormone sind hartnäckig. Gebt Euren Hunden ausreichend Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Nach einem sehr aufregenden Ereignis darf es auch mal 1-2 Tage ganz ruhig sein, vielleicht geht es sogar nur in den Garten, sofern vorhanden, oder nur zur Mini-Pipi-Runde an den nächsten Baum und zurück ins kuschelige Körbchen. Eine schöne Entspannungsmassage bei Herrchen/Frauchen auf dem Sofa ist auch eine wunderbare Sache, um z.B. die Körperspannung loszuwerden. Auch bei unseren Hunden kann sich nachlassender Stress in körperlichen Symptomen äußern. Meine Bonni z.b. hat nach einem sehr aufregenden Erlebnis am nächsten Tag erstmal Durchfall.

    Wer weiß, was sich bei dem einen oder anderen da sonst noch abspielt. Unsere Hunde können es uns ja nicht mitteilen. Aber jeder, der selbst schon mal ein stressiges Erlebnis hatte, hat eine Idee, wie es dem Hund gehen könnte. Das allein ist für mich Grund genug, den Hund ernst zu nehmen und ihn zu unterstützen, so gut ich kann.

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Kommentare 8

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    Sylvio -

    Fenni, danke für diesen Beitrag!!! Wegen deinem Beitrag, den ich über die Tante Google fand, bin nun Mitglied dieses Forums.

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    Petra Schumann -

    Das müsste in Zeitschriften veröffentlicht werden, wo es um das Thema Angsthunde geht. Damit sich die Besitzer solcher Hunde in sie hineinversetzen können.

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    betti -

    Ich finde diesen Bericht toll, man sollte ihn oft durchlesen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es unseren Hunde ganz genauso geht und wir uns damit gut ein Bild davon machen was unsere Hunde so erleben (erleiden) müssen. Ab sofort werde ich den Tagesablauf des Hundes mit anderen Augen sehen. DANKESCHÖN!

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    Sabrina -

    Schöner Bericht und eine tolle Selbstwahrnehmung

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    freddylein -

    Danke für deinen interessanten Bericht....da geht mir auch gleich die eine oder andere vergleichbare Situation von früher durch den Kopf und es zeigt, daß wir auch unsere Hunde in Streßsituationen ernst nehmen müssen, um ihnen zu helfen, damit klarzukommen !

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    Shadow -

    Hast du gut gemacht den Selbstversuch!;-) Genau das darf man nicht vergessen das die Hunde Zeit haben wieder runterzufahren und Sachen zu verarbeiten.

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    ronnie -

    Sehr schön geschrieben! Ja, solche Analogien können sehr gut helfen zu verstehen, was in unseren Hunden manchmal vorgeht.